Bob Blume: Abc der gelassenen Referendare

Meine Leseeindrücke

Bob Blume, bekannt als “Referendarsflüsterer” in Sozialen Netzwerken, hat einen Ratgeber geschrieben. Es richtet sich an startende Lehramts-Referendare und ich kann vorwegnehmen: Es lohnt sich, es ist das passende Geschenk für jeden Junglehrer im Bekanntenkreis.

Gelassenheit…auch an andere weitergeben…

Man merkt, dass hier jemand das Buch geschrieben hat, der weiß, wovon er spricht, da er sich sehr detailliert in die Lage neuer Referendare hineinversetzt; und so ist z. B. das zu Beginn geschilderte Szenario des Referendariatsbeginns keineswegs übertrieben dargestellt, sondern so real, dass es sich auch für Ausbilder an Schulen und Studienseminar lohnt, sich mithilfe dieser Zeilen wieder auf den Stand der Dinge zu bringen, wie es sich “von der anderen Seite her” anfühlt, in diese Unternehmung zu starten.

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Das Buch ist keine fachlich tiefgründige didaktische Abhandlung — aber das will es auch gar nicht sein! Es will dem Anfänger auf leicht und humorvoll konsumierbare Weise den Einstieg erleichtern, dadurch, dass er sich begleitet und verstanden fühlt (s. Kapitel Wertschätzung). Und diese Ebene wird allzu oft vernachlässigt — was den Wert des vorliegenden Büchleins erhöht.

Als (ehemaliger) Seminarleiter denkt man sich an vielen Stellen: Das hätte ich auch — so ähnlich — geschrieben, hier hätte ich dies oder das ergänzt. Für mich steht z. B. für Berufsanfänger die “Schüler-Doktrin” im Mittelpunkt: Denke alles aus der Perspektive deiner Schüler, zieh “ihre Schuhe” an, baue zuerst Beziehungskultur auf; konkret: Kenne von der 1. Stunde an ihre Namen! Bei Bob Blume heißt es dazu: Es “sollten immer die Schüler im Mittelpunkt stehen.” (S. 15). “Die Schüler sind zu jedem Zeitpunkt das Wichtigste!” (S. 54, ähnlich S. 107) Das gefällt mir. An manchen Stellen wünsche ich mir eine gründlichere Aufarbeitung, z. B. bei der Systematisierung der Fragen, mit denen man an die Hospitation bei Kollegen herangeht. Aber: Auf der anderen Seite behält das Buch so auf seine Art eine bewusst unvollständige Lockerheit, die den Leser davor bewahrt, gleich wieder in Panik zu verfallen, ob man denn alle vermeintlichen Anforderungen beim eigenen Hospitieren auf dem Schirm hat. Ein ähnlicher Effekt zeigt sich beim Thema der Passung unterrichtlicher Entscheidungen — darüber ließe sich monographisch ausschweifen — Bob formuliert hier prägnant den Grundgedanken (orientiert in Richtung des Unterrichtsziels, S. 59/60) und hält den angepeilten Leser so bei der Stange.

Überraschend vorsichtig geht das Büchlein mit dem Thema “C wie Computereinsatz” um (“auch nachfragen, wie dein Fachleiter zu dem Thema steht”, S. 18) — innovativ und wichtig ist die Betonung des Wertes von Netzwerken. Die Hinweise zur Situation des Durchfallens sind sinnvoll, die Gedanken zum Gruppendruck sehr praxisnah, mit dem Punkt Ordnungssysteme wird ein selten angesprochener, aber für jeden Referendar äußerst relevanter Bereich angetippt. Wer sich in dem Bereich digital intensiv beschäftigen möchte, wird hier fündig. Aus der Seele spricht mir der Autor mit seiner wiederholten Sport-Empfehlung.

Die Inhalte sind absolut zweitrangig.

Auch zur Hospitation bei anderen Lehrern findet Bob den richtigen zentralen Gedanken (“Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie.”, S. 35) Schön ist auch der Vergleich des Referendars mit einem Autor mit Schreibblockade. Zu Bobs Empfehlungen zu Inspirationsquellen möchte ich ergänzen: Nicht krampfhaft nach dem Wow-Effekt suchen, sondern einfach eine solide Stunde planen — die kreativsten Ideen kommen ungeplant dort, wo man sie nicht erwartet: beim Joggen, unter der Dusche etc.

Wenn man sich im bildungsföderalen Deutschland über das Referendariat äußerst, muss man zwangsläufig in die Falle der unterschiedlichen Regelungen (Fachleiter, Mentoren, Unterrichtsbesuche, Prüfungen) tappen. Auch Bob Blume ist davor nicht gefeit (s. Beurteilungen durch Mentoren, S. 56 oder den ominösen Pädagogik-Kurs, den es in dieser Form nicht bundesweit gibt, S. 73/74) — das Buch lässt sich jedoch von jedem Referendar nutzbringend lesen, wenn man entsprechende Anpassungen intern beim Lesen vornimmt. Punktuell wünscht man sich etwas mehr Konkretion, z. B. im Kapitel zur Reflexion (Wie bewerkstelle ich das?). Unter dem Stichwort Sanktionen geht es um den Umgang mit Unterrichtsstörungen. Sehr kurz für ein Thema, das Anfängern meist sehr unter den Nägeln brennt, aber auch hier formuliert Bob den wichtigen Grundgedanken (Prävention ist wichtiger als Reaktion.) — sehr gut.

Etwas schwierig finde ich die Aussagen zu den unterschiedlichen Perspektiven von Mentoren, Fachleitern, Schulleitern bei Unterrichtsbesuchen. Es gibt auch Schulleiter, die didaktisch-methodisch anspruchsvoll hospitieren, wie es auch Fachleiter gibt, die zu “realisitischer” Unterrichtsverbesserung verhelfen — und es gibt Mentoren, bei denen das nicht der Fall ist. Noch komplizierter wird es, wenn neben dem Fach(seminar)leiter auch der Hauptseminarleiter (Kernseminarleiter, Leiter des pädagogischen Seminars, demnächst: Ausbildungscoach) zu Besuch kommt…

Wenn man sich vor Augen führt, dass das Referendariat wirklich eine bereichernde Zeit sein kann (S. 118), dann ist es natürlich schade, dass das Referendariat in manchen Bundesländern nur 1 Jahr dauert (und nicht eineinhalb bis zwei Jahre, wie auf Seite 5 in Aussicht gestellt). Bei aller Verkürzung ist dieser Mutmacher umso wichtiger. Das ist ein Buch für die Un-Perfekten (also alle), die in das Referendariat starten, oder für deren Angehörige und Freunde, die sich ein Bild vom internen Räderwerk dieser anspruchsvollen Situation verschaffen möchten.

Das Buch kann direkt beim AOL-Verlag oder bei amazon für 9,95 € bestellt werden. Erreichbar ist der Autor unter @blume_bob bei Twitter.

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